Wer in Deutschland zur Schule gegangen ist, kennt ihn wahrscheinlich noch: den klassischen zweifarbigen Radiergummi. Eine Hälfte rot oder rosa, die andere blau. Bei mir lag so ein Exemplar jahrelang im Federmäppchen, und ich war mir als Kind vollkommen sicher, dass ich seine Funktion verstanden hatte.
Die rote Seite war für Bleistift.
Und die blaue Seite?
Natürlich für Tinte.
Zumindest dachte ich das.
Ich erinnere mich sogar noch daran, wie ich irgendwann versucht habe, einen Fehler mit dem Füller damit wegzuradieren. Erst vorsichtig, dann etwas kräftiger und schließlich mit so viel Druck, dass von dem geschriebenen Wort tatsächlich kaum noch etwas zu sehen war.
Leider galt das anschließend auch für das Papier.
An der Stelle befand sich entweder eine aufgeraute, dünne Fläche oder gleich ein kleines Loch im Blatt.
Damals dachte ich einfach, ich hätte den Radiergummi falsch benutzt. Vielleicht musste man vorsichtiger radieren? Vielleicht funktionierte er nur bei bestimmten Füllern?
Viele Jahre später stellte ich fest, dass unglaublich viele Menschen genau dieselbe Erinnerung haben.
Doch war die blaue Seite tatsächlich für Tinte gedacht?
Die Antwort ist etwas komplizierter – und interessanter – als das bekannte „Bleistift gegen Tinte“.
Der große Irrtum aus dem Federmäppchen
Die beiden Seiten unterscheiden sich tatsächlich voneinander.
Die klassische weichere Seite eines Radiergummis eignet sich besonders gut zum Entfernen von Graphit auf normalem Papier.
Die blaue Seite ist dagegen normalerweise härter und stärker abrasiv.
Das bedeutet vereinfacht gesagt: Sie radiert nicht nur anders, sondern trägt beim Reiben stärker Material von der Oberfläche ab.
Genau deshalb konnte sie auf normalem Schulheftpapier solche Verwüstungen anrichten.
Wer kräftig genug rieb, entfernte irgendwann tatsächlich einen Tintenstrich.
Allerdings nicht unbedingt deshalb, weil der Radiergummi die Tinte auf magische Weise auflöste.
Stattdessen konnte die stärker schleifende Seite die oberste Schicht des Papiers mitsamt der darauf befindlichen Markierung abtragen.
Das erklärt auch, warum das Papier anschließend häufig rau, dünn oder beschädigt aussah.
Warum gibt es dann überhaupt zwei unterschiedliche Seiten?
Die härtere Seite ist vor allem für Situationen sinnvoll, in denen eine weichere Radiermischung nicht ausreichend greift.
Dazu gehören beispielsweise kräftigere Bleistift- oder Zeichenstriche sowie widerstandsfähigere beziehungsweise gröbere Zeichenoberflächen.
Auf dickem Zeichenpapier oder anderen robusteren Materialien kann eine stärker abrasive Radiermischung deshalb sinnvoll sein.
Das berühmte Schulheft mit seinen dünnen Seiten gehört allerdings nicht unbedingt zu den Oberflächen, auf denen man besonders kräftig damit arbeiten sollte.
Genau hier entstand wahrscheinlich ein großer Teil unserer schlechten Kindheitserfahrungen.
Wir nahmen die härteste Seite des Radiergummis und bearbeiteten damit ausgerechnet ziemlich dünnes Papier.
Das Ergebnis war vorhersehbar.
Aber konnte man damit Tinte entfernen?
Hier steckt ein kleines Körnchen Wahrheit hinter der alten Vorstellung.
Eine abrasive Radierseite kann bestimmte Markierungen mechanisch abschwächen oder teilweise entfernen, weil sie etwas von der Oberfläche abträgt.
Deshalb wurden beziehungsweise werden spezielle Tintenradierer ebenfalls mit abrasiven Bestandteilen hergestellt.
Das heißt jedoch nicht, dass jede blaue Seite jedes zweifarbigen Radiergummis automatisch ein universeller „Tintenlöscher“ ist.
Und genau diese Unterscheidung ist wichtig.
