Ein moderner Tintenkiller für löschbare königsblaue Füllertinte funktioniert beispielsweise nach einem ganz anderen Prinzip. Dabei wird der Farbstoff chemisch verändert.
Beim abrasiven Radieren passiert dagegen etwas wesentlich Einfacheres:
Man trägt Material ab.
Deshalb entstanden diese berühmten Löcher
Wenn man sich daran zurückerinnert, ergibt plötzlich alles Sinn.
Man schrieb beispielsweise:
„Meine Sommerferien waren…“
Fehler.
Also schnell den blau-roten Radiergummi aus dem Mäppchen holen.
Mit der blauen Seite reiben.
Nichts.
Stärker reiben.
Immer noch sichtbar.
Noch stärker.
Plötzlich wird die Stelle heller.
„Es funktioniert!“
Noch zweimal darüber – und schon war das Blatt beinahe durch.
Das Problem lag weniger am fehlenden Einsatz des Kindes als an der Kombination aus abrasivem Radierer und dünnem Papier.
Je länger man rieb, desto stärker wurden die Papierfasern beansprucht.
Irgendwann war nicht nur die Markierung weg.
Das Papier war es ebenfalls.
Warum fühlt sich die blaue Seite anders an?
Wenn man einen klassischen zweifarbigen Radiergummi in die Hand nimmt, kann man den Unterschied teilweise bereits mit den Fingern bemerken.
Die weichere Seite fühlt sich glatter und elastischer an.
Die härtere Seite kann etwas fester und rauer wirken.
Das hängt mit der jeweiligen Radiermischung zusammen.
Radiergummis bestehen nicht einfach nur aus „Gummi“. Je nach Produkt werden unterschiedliche Materialien, Weichmacher und Füllstoffe eingesetzt.
Bei abrasiveren Varianten können zusätzlich Bestandteile verwendet werden, die eine stärkere mechanische Wirkung erzeugen.
Dadurch kann der Radierer hartnäckigere Striche entfernen – beansprucht gleichzeitig aber auch die Oberfläche stärker.
Was sollte man mit der blauen Seite radieren?
Das hängt zunächst vom konkreten Produkt ab. Die Herstellerangaben sind deshalb zuverlässiger als die Farbe allein.
Grundsätzlich eignet sich eine härtere Radiermischung eher für robuste Zeichenoberflächen und hartnäckigere Bleistift- oder Farbstiftspuren als für empfindliches, dünnes Papier.
Besonders bei Zeichenkarton oder stärkerem Papier kann sie nützlich sein.
Dabei gilt trotzdem:
Immer zuerst mit wenig Druck arbeiten.
Wenn das nicht reicht, kann man den Druck langsam erhöhen.
Wer sofort kräftig hin und her schrubbt, riskiert auch auf stärkerem Papier sichtbare Schäden.
Kann man damit Bleistift auf Holz entfernen?
Bei unbehandeltem Holz können Radiergummis tatsächlich praktisch sein.
Beim Heimwerken werden Schnitt- und Bohrpositionen häufig mit Bleistift markiert.
Nach Abschluss der Arbeit möchte man diese Linien natürlich wieder loswerden.
Auf glattem unbehandeltem Holz kann vorsichtiges Radieren funktionieren.
Allerdings sollte man auch hier zunächst an einer unauffälligen Stelle testen.
Je nach Holzart und Oberfläche kann kräftiges Reiben sichtbare Veränderungen verursachen.
Bei lackiertem, beschichtetem oder empfindlichem Holz wäre ich besonders vorsichtig.
Und an der Wand?
Hier würde ich ebenfalls nicht einfach kräftig losradieren.
Ein kleiner Bleistiftstrich auf einer robusten, matten Wandfarbe lässt sich möglicherweise vorsichtig entfernen.
Eine abrasive Radierseite kann jedoch gleichzeitig die Farbe verändern, glänzende Stellen erzeugen oder sogar etwas von der Beschichtung abtragen.
Deshalb gilt:
Erst an einer unauffälligen Stelle ausprobieren.
Wenn sich die Wandfarbe verändert, sofort aufhören.
Bei Tapeten lieber besonders vorsichtig sein
Noch empfindlicher sind Tapeten.
Gerade bedruckte oder beschichtete Tapeten können durch starkes Radieren dauerhaft beschädigt werden.
Im schlimmsten Fall ist zwar der kleine Strich verschwunden, dafür fehlt anschließend auch ein Teil des Musters.
Deshalb würde ich die blaue Seite dort höchstens sehr vorsichtig und nach einem Test einsetzen.
Warum war die blaue Seite eigentlich blau?
Und jetzt kommen wir zu einem interessanten Punkt.
Die Farbe selbst ist nicht das Entscheidende.
Ein Radiergummi funktioniert nicht auf eine bestimmte Weise, weil er blau ist.
Die Farbe hilft vielmehr dabei, unterschiedliche Radiermischungen beziehungsweise Einsatzbereiche optisch voneinander zu unterscheiden.
Deshalb sollte man auch nicht automatisch davon ausgehen, dass jede blaue Radiergummiseite jedes Herstellers exakt dieselbe Zusammensetzung und denselben Verwendungszweck hat.
Entscheidend ist letztlich die konkrete Produktbeschreibung.
Der Mythos hielt sich trotzdem jahrzehntelang
Und das ist eigentlich der schönste Teil der Geschichte.
Frag einmal mehrere Menschen, die solche Radiergummis in der Schule benutzt haben:
„Wofür war die blaue Seite?“
Sehr wahrscheinlich wird mindestens jemand sofort antworten:
„Für Tinte!“
Vielleicht liegt es daran, dass diese Erklärung einfach logisch klang.
Zwei Farben.
Zwei Schreibgeräte.
Rot für Bleistift.
Blau für Füller.
Fertig.
Und weil diese Erklärung von Kindern an andere Kinder weitergegeben wurde, musste sie irgendwann niemand mehr hinterfragen.
Der Tintenkiller war ohnehin überlegen
Wer tatsächlich mit Füller schrieb, hatte für viele blaue löschbare Tinten eine wesentlich bessere Lösung:
den Tintenkiller.
Eine Seite machte die Schrift unsichtbar beziehungsweise entfärbte sie, mit der anderen konnte anschließend korrigiert werden.
Im Vergleich dazu war das minutenlange Schleifen mit dem blauen Radiergummi keine besonders elegante Methode.
Vor allem blieb das Papier beim Tintenkiller normalerweise deutlich besser erhalten.
Vielleicht erklärt auch das, warum die blaue Hälfte des Radiergummis irgendwann für viele Schüler zu einem kleinen Rätsel wurde.
Man hatte sie im Mäppchen.
Man wusste angeblich, wofür sie da war.
Aber wirklich benutzt hat man sie kaum.
Ein kleines Stück Schulzeit
Heute reicht manchmal schon ein Foto dieses Radiergummis und plötzlich sind die Erinnerungen wieder da.
Das Federmäppchen.
Der Füller.
Der Anspitzer mit Auffangbehälter.
Das 30-Zentimeter-Lineal.
Die Buntstifte, von denen ausgerechnet die wichtigste Farbe ständig abgebrochen war.
Und irgendwo dazwischen:
dieser rot-blaue Radiergummi.
Bei manchen war die rote Seite irgendwann fast vollständig aufgebraucht, während die blaue Hälfte noch beinahe wie neu aussah.
Kein Wunder.
Nach dem ersten Loch im Heft hatte man schließlich gelernt, vorsichtig damit zu sein.
Was man daraus mitnehmen kann
Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Seiten liegt also weniger in der simplen Regel „Bleistift hier, Tinte dort“, sondern in ihrer unterschiedlichen Radierwirkung.
Die weichere Seite eignet sich für gewöhnliche Bleistiftspuren auf Papier.
Die härtere, abrasivere Seite ist für hartnäckigere Striche beziehungsweise robustere Oberflächen gedacht – wobei der genaue Einsatzzweck vom jeweiligen Produkt abhängt.
Dass man damit unter Umständen auch eine Tintenmarkierung abschwächen konnte, hat wahrscheinlich zusätzlich zum Mythos beigetragen.
Nur bezahlte man dafür auf dünnem Papier manchmal einen ziemlich hohen Preis.
Nämlich ein Loch mitten in den Hausaufgaben.
Und wenn du damals ebenfalls überzeugt warst, dass „blau = Tinte“ bedeutet, warst du damit definitiv nicht allein.
