Nach etwa zwei Stunden nahm ich mir das Sauerkraut vor. Es war frisches, ungekochtes Kraut aus dem Reformhaus – so, wie Oma es immer bevorzugt hatte. Ich schnitt einen Apfel in kleine Würfel, ebenso etwas durchwachsenen Speck. In einer großen Pfanne ließ ich etwas Schmalz heiß werden, gab den Speck hinein, dann den Apfel. Schließlich das Sauerkraut. Dazu Kümmel, eine Prise Zucker, etwas Sud vom Eisbein. Ich ließ alles bei geringer Hitze leicht vor sich hin schmoren.
Nebenbei schälte ich Kartoffeln. Oma hatte oft Salzkartoffeln dazu gemacht. Keine Experimente, keine Röstaromen, keine Gewürztricks. Nur Salz und Wasser. Und genau das machte ich auch. In dieser Stunde war ich nicht Mutter, nicht Ehefrau, nicht gestresste Angestellte. Ich war wieder Enkelin, in der kleinen Küche meiner Kindheit.
Nach gut 2,5 Stunden war das Fleisch butterzart. Die Haut glänzte. Ich erinnerte mich, dass Oma manchmal zum Schluss das Eisbein noch kurz unter den Grill geschoben hatte, für eine knusprige Kruste. Das tat ich auch. Nur fünf Minuten. Aber sie machten den Unterschied.
Ich richtete an: Auf einen großen, weißen Teller kam ein Hügel Sauerkraut, darauf das glänzende Eisbein, daneben die dampfenden Kartoffeln. Ich rief meine Familie. Mein Mann sah mich überrascht an. „Was hast du denn da gezaubert?“ Ich nickte nur. „DDR-Rezept“, sagte ich leise. Die Kinder zögerten erst, probierten dann – und waren begeistert. Mein Sohn, sieben Jahre alt, sagte: „Das ist das beste Fleisch, das ich je gegessen habe.“ Ich musste wieder lächeln.
Wir aßen schweigend. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil der Geschmack alles sagte. Als wir fertig waren, fragte mein Mann, ob noch etwas übrig sei. Ich sagte nein. Und am Abend, als ich das Geschirr abspülte, legte ich Omas Notizbuch wieder an seinen Platz. Es war mehr als nur ein Rezept. Es war eine Erinnerung. Eine Brücke in eine Zeit, in der alles einfacher schien. Oder vielleicht einfach echter.
Ich beschloss, das Eisbein nicht nur zu besonderen Anlässen zu machen, sondern immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, dass uns etwas fehlt. Nicht auf dem Tisch, sondern im Herzen. Und jedes Mal, wenn ich den Sud aufsetze, das Kraut brutzeln lasse und das Fleisch langsam weich wird, bin ich meiner Großmutter ein Stück näher. In der Küche, im Duft, im Geschmack.
Wenn du dieses Rezept nachkochst, nimm dir Zeit. Mach es nicht zwischen Tür und Angel. Stell Musik an. Schalte das Handy aus. Lass die Aromen arbeiten. Und wenn du Kinder hast, erzähl ihnen, woher das Gericht kommt. Denn Essen ist mehr als Nährstoffaufnahme. Es ist Geschichte. Es ist Erinnerung. Es ist Liebe.
Und genau das ist es, was ein altes DDR-Rezept wie dieses zu etwas so Besonderem macht.
