Es gibt Winter, die kommen leise. Ein bisschen Schnee, ein paar kalte Morgen, Handschuhe im Mantel, Tee auf dem Herd. Und dann gibt es Winter, die sich nicht ankündigen, sondern über uns hereinbrechen, als wollten sie uns prüfen. Dieser Winter gehört für mich ganz klar zur zweiten Sorte. Als ich die ersten Meldungen über Tief „Elli“ hörte, dachte ich zunächst: wieder so ein Wetterbericht, wieder diese übertriebenen Warnungen, die am Ende doch nur matschigen Schnee bringen. Doch schon wenige Stunden später merkte ich, dass etwas anders war. Nicht nur draußen, sondern auch in der Stimmung der Menschen.
Ich saß am Küchentisch, das Radio lief nebenbei, und plötzlich änderte sich der Tonfall. Keine lockeren Hinweise mehr, kein „bitte vorsichtig fahren“, sondern ernste Stimmen, die von Gefahr sprachen, von extremer Glätte, von Situationen, die sich innerhalb von Minuten zuspitzen könnten. Und ich erinnere mich genau an diesen Moment, weil er mir einen leichten Knoten im Magen machte. Nicht aus Panik, sondern aus einem ganz stillen Unbehagen. Dieses Gefühl, dass etwas kommt, das man nicht mehr kontrollieren kann.
Draußen begann es zu schneien. Erst fein, fast friedlich, wie Puderzucker. Die Straßen wurden leiser, die Autos fuhren langsamer, alles wirkte gedämpft. Aber diese Ruhe war trügerisch. Denn während wir noch den Schnee von den Fensterbänken wischten und Kinder sich über weiße Dächer freuten, arbeiteten Wetterlagen im Hintergrund gegeneinander. Kalte Luft hielt den Boden eisig, während sich von Westen her eine Warmfront ankündigte, die genau das mitbrachte, wovor Experten seit Stunden warnten: gefrierenden Regen.
Viele unterschätzen diese Art von Wetter. Schnee kennt man, Frost auch. Aber Blitzeis ist etwas anderes. Es kommt nicht langsam, es kündigt sich nicht an. Es ist plötzlich da. Ich habe es selbst erlebt, vor Jahren schon, als ich einmal nur kurz zum Supermarkt wollte. Drei Schritte aus der Haustür, ein falscher Tritt, und ich lag auf dem Boden, überrascht von der eigenen Hilflosigkeit. Damals hatte ich Glück. Diesmal, so sagten die Experten, könnte es für viele anders ausgehen.
Während im Norden und in der Mitte des Landes Schneemassen Züge stoppten und Flughäfen lahmlegten, begann man im Westen bereits, Streufahrzeuge in Dauereinsatz zu schicken. Doch selbst das hatte seine Grenzen. Denn wenn Regen auf gefrorenen Asphalt trifft, entsteht eine Schicht, gegen die kein Streusalz sofort ankommt. Straßen verwandeln sich in Spiegel, Gehwege in Fallen. Und genau das war es, was mir Sorgen machte. Nicht der Sturm, nicht der Schnee, sondern diese unsichtbare Gefahr, die man erst bemerkt, wenn es zu spät ist.
Ich dachte an all die Menschen, die früh morgens losmüssen. Pendler, Pflegekräfte, Lieferfahrer, Eltern, die ihre Kinder zur Schule bringen. In Hamburg sollten die Schulen wieder öffnen, nach Tagen des Schneefreis. Hunderttausende Kinder unterwegs, während auf Gehwegen eine dünne Eisschicht lag, die man kaum sehen konnte. Ich stellte mir vor, wie Eltern zögern, wie sie am Fenster stehen und überlegen, ob sie ihre Kinder wirklich losschicken sollen. Vertrauen in die Entscheidung der Behörden auf der einen Seite, Angst im Bauch auf der anderen.
