DDR-Rezepte
Vorgeschichte
Manchmal sind es die kleinen Dinge, die uns backtechnisch wieder zu den Wurzeln bringen – bei mir war es genau so. Es begann alles an einem eher grauen Sonntagnachmittag, als ich nach einem schnellen, bodenständigen Rezept suchte, das nicht viel Schnickschnack verlangte, aber dennoch meine Familie glücklich macht. Ich blätterte in einer alten, von Oma vererbten Rezeptmappe, die schon leicht vergilbte Seiten hatte und deren Ecken ausgeleiert waren. Zwischen den handschriftlichen Einträgen fand ich eine Seite mit „DDR-Rezepten“ überschrieben. Die altmodische Schrift weckte sofort Neugier in mir. Was mochte wohl in der DDR gekocht werden? Ich war gespannt.
Die Beschreibung des Rezepts war knapp gehalten, ganz ohne all die heutigen Superfoods oder exotische Zutaten. Es ging um einfaches, ehrliches Essen, das mit wenig auskam und dennoch lecker schmeckte. Ich habe sofort beschlossen, es auszuprobieren – einfach, weil es sich für mich echt und authentisch anfühlte. Beim Kochen füllte sich die Küche bald mit warmen, vertrauten Düften. Es roch nach Butter, frisch gebackenem Teig, sanft karamellisierter Zwiebel und einem Hauch von Majoran. Dieses Aroma strahlte für mich Geborgenheit und Bodenständigkeit aus, so wie es nur alte Familienrezepte können.
Als die Kinder zum Tisch kamen, testeten sie neugierig das Essen, und auch mein Mann, der anfangs eher skeptisch wegen der ‚einfachen Kost‘ war, griff mehr als einmal zu. Wir lachten viel, weil dieses Essen so anders war als unser sonstiges, oft international angehauchtes Menü der Woche. Es fühlte sich ein bisschen an, als würden wir für einen Moment in die Vergangenheit reisen – in eine Zeit, in der die Familienküche Mittelpunkt und das Teilen von gutem Essen das Wichtigste war. Dieses Rezept hat mich nicht nur wegen des Geschmacks begeistert, sondern auch, weil damit so viel Geschichte und Herz auf den Tisch kamen. Es wurde ziemlich schnell zu einem festen Bestandteil unseres Speiseplans, an Tagen, an denen das Leben etwas langsamer und gemütlicher sein darf.
Zutaten
– 500 g Kartoffeln
– 2 mittelgroße Zwiebeln
– 150 g Mehl
– 1 Ei
– 100 ml Milch
– 1 Prise Salz
– 1 Prise Pfeffer
– 1 Prise Muskatnuss (nach Geschmack)
– 2 EL Butter zum Anbraten
– 1 Bund Petersilie (frisch)
– 150 g Schweinebauch oder magerer Bauchspeck (optional)
– 1 TL Majoran (getrocknet)
– 1 EL Schweineschmalz oder neutrales Öl zum Braten
– 1 EL Sauerkrautsaft (optional, für den Pfiff)
Zubereitung
Als Erstes habe ich mich an die Kartoffeln gemacht. Sie sollten schön festkochend und möglichst frisch sein, damit die spätere Masse nicht zu wässrig wurde. Ich habe die Kartoffeln mit der Schale gründlich gewaschen und anschließend in einem großen Topf mit Wasser bedeckt zum Kochen gebracht. Das Ganze dauert etwa 20 bis 25 Minuten, bis die Knollen weich sind, aber nicht zerfallen. Während die Kartoffeln kochen, habe ich die Zwiebeln geschält und in feine Würfel geschnitten. Das Anbraten der Zwiebeln braucht später noch Aufmerksamkeit, also habe ich diese Arbeit früh vorbereitet.
Wenn die Kartoffeln gar sind, habe ich sie warm geschält. Das geht am besten mit einem Handtuch, denn die Knollen sind wirklich heiß und lassen sich so besser anfassen. Danach habe ich die Kartoffeln mit einer Kartoffelpresse zerdrückt oder – für ein leicht stückiges Ergebnis – mit einem Stampfer bearbeitet. Es sollte eine gleichmäßige, lockere Masse entstehen. Nun gab ich die Milch zusammen mit dem Ei in eine kleine Schüssel, verquirlte sie und gab das Ganze unter ständigem Rühren zur Kartoffelmasse. So wurden die Kartoffeln schön geschmeidig. Anschließend wurden das Mehl, Salz, Pfeffer, Muskatnuss und der Majoran hinzugefügt. Ich habe die Teigmasse kräftig geknetet, bis sie weder zu klebrig noch zu trocken war – sie soll schön formbar sein und nicht an den Händen kleben bleiben.
Jetzt folgte der spannende Teil: das Formen der Kartoffelklöße. Da waren wir alle gefragt – klein, rund oder etwas länglicher, wie man sie mag. Damit die Klöße nicht an der Pfanne kleben bleiben, habe ich den Schmalz in einer großen Pfanne erhitzt, bis er heiß, aber nicht rauchend war. Die Butter kam kurz nach dem Schmalz dazu und verbreitete diesen wunderbaren duftigen Geruch, der sofort Appetit machte. Die Klöße wurden im heißen Fett vorsichtig portionsweise angebraten. Sie sollen außen eine schöne, goldgelbe Kruste bekommen und dabei innen butterzart bleiben. Dabei habe ich gelegentlich die Hitze etwas reduziert, damit sie nicht zu schnell dunkel werden.
Während die Kartoffelklöße langsam Farbe annahmen, habe ich den Speck in kleine Würfel geschnitten und ebenfalls in einer Pfanne kross ausgebraten. Das gibt dem Gericht das gewisse Etwas, auch wenn man es weglassen kann. Für eine vegetarische Variante habe ich das Speckfett gegen mehr Butter oder Pflanzenöl getauscht. Die Zwiebeln wurden nach dem Auslassen des Specks glasig und leicht karamellisiert, was der Seele schmeichelt.
Zum Schluss habe ich die frische Petersilie fein gehackt und die Klöße nach dem Braten mit den Speckstücken und Zwiebeln serviert. Man kann sie wunderbar auf einem Teller anrichten und mit etwas frischer Petersilie bestreuen. Das Aroma ist einfach unvergleichlich: die feine Würze der Kartoffeln, die knackige Zwiebel und der deftige Speck – zusammen eine köstliche Erinnerung an einfache, genussvolle Kindheitstage.
Tipps und Varianten
Dieses Rezept ist wahnsinnig vielseitig und erinnert an die bodenständige Küche, in der gerade weniger mehr war. Für alle, die sich an den Kartoffelklößen versuchen möchten, empfehle ich, gute und frische Kartoffeln zu verwenden – am besten keine Mehligkochenden, denn die Klöße sollen nicht auseinanderfallen, sondern eine schöne feste Konsistenz haben. Wenn das Mehl einmal nicht zur Hand ist, kann man auch ein bisschen Kartoffelstärke oder Speisestärke als Ersatz einsetzen. Das gibt eine besonders elastische Konsistenz.
Wer mag, kann den Speck auch mit Räuchertofu ersetzen, damit das Gericht für Vegetarier passt. Dazu einfach den Tofu in kleine Würfel schneiden und in etwas Öl kross anbraten. Für eine vegane Version empfehle ich statt Ei einen Löffel Apfelmus oder zerdrückte Banane als Bindemittel zu probieren, die ich allerdings nur mit einem Aufschlag an Mehl etwas angepasst habe. Auch die Butter lässt sich durch Pflanzenmargarine ersetzen, die einen milden Geschmack erhält.
Das Gericht eignet sich bestens für die ganze Familie, vor allem wenn die Tage kühler werden und man sich etwas Aufwärmendes auf den Teller wünscht. Es ist perfekt für Sonntage, wenn die Zeit da ist, um nach Herzenslust zu kochen, und auch für Gäste, die eine rustikale Küche schätzen. Die Zubereitung braucht ein bisschen Geduld und Liebe, aber das Ergebnis wird euch begeistern und ein heimeliges Gefühl vermitteln.
Aufbewahren lässt sich der restliche Teig im Kühlschrank für etwa einen Tag gut, falls ihr nicht die ganze Portion auf einmal verzehren möchtet. Für die Klöße, die schon gebraten sind, empfehle ich eine kurze Erwärmung in der Pfanne oder im Ofen bei 150 Grad – so werden sie außen wieder knusprig und innen schön warm. Vor allem muss man darauf achten, dass der Teig nicht zu nass wird; sollte er zu feucht sein, einfach ein bisschen mehr Mehl einkneten, ehe ihr formt.
Wenn ihr das erste Mal Kartoffelklöße macht, kann es hilfreich sein, sie zunächst kleiner zu formen. So sind sie leichter zu wenden und schwieriger zu zerfallen. Auch wenn es sich einfach anhört, sind ein paar kleine Kniffe wie die Hitze gut zu dosieren wichtig, sonst werden sie außen eventuell schwarz, bevor sie innen gar sind. Mein Tipp ist, die Pfanne eher auf mittlere Hitze zu stellen und die Klöße mit etwas Geduld langsam ausbacken.
Serviert ihr die Klöße zu z.B. Sauerkraut oder einem herzhaft angemachten Rotkohl, ergibt sich daraus ein rundum traditionelles DDR-Essen, das warm und satt macht. Noch toller schmeckt das Gericht mit einem Klecks saurer Sahne oder ein paar Essiggurken dazu, denn die leichte Säure bringt ein schönes Gegengewicht zur deftig-buttrigen Grundlage.
Ich habe mit meinem Rezept so auch Freunde begeistert, die sonst nicht unbedingt auf einfache Rezepte stehen. Es ist eine schöne Möglichkeit, bewährte Kochtraditionen weiterzugeben und dabei gleich ein ganz kleines Stück Geschichte zu schmecken. Besonders schön ist, dass das Gericht immer wieder neu interpretiert werden kann und dabei doch seinen typischen Charakter behält.
Kurzum: Wer gerne mit Kartoffeln arbeitet und sich an ein Gericht traut, das mit wenigen Zutaten auskommt, aber trotzdem so viel Geschmack bringt, der sollte diese DDR-Kartoffelklöße unbedingt ausprobieren. Sie sind ein wunderbares Stück genussvolle Erinnerung, das in modernen Küchen eine Renaissance verdient hat. Ich verspreche euch, diese Knödel können eine richtige Herzenssache werden – so wie bei uns. Lasst euch Zeit, genießt das Kochen und vor allem das gemeinsame Essen!
