Es gibt Dinge im Alltag, an denen wir jeden Tag vorbeigehen, ohne ihnen auch nur eine Sekunde Aufmerksamkeit zu schenken. Sie sind einfach da, sie gehören zur Umgebung wie Pflastersteine, Türgriffe oder Lichtschalter. Für mich gehörte dieses kleine Schild mit den zwei Buchstaben „WC“ immer genau in diese Kategorie. Ich habe es gesehen, mein ganzes Leben lang, in Bahnhöfen, in Restaurants, auf Rastplätzen, in Kaufhäusern, in Krankenhäusern, in Schulen. Und nie, wirklich nie, habe ich darüber nachgedacht, was diese beiden Buchstaben eigentlich bedeuten. Sie waren einfach da, selbstverständlich, fast unsichtbar.
Erst vor einigen Jahren, an einem ganz gewöhnlichen Tag, ist mir dieses Schild plötzlich aufgefallen. Es war nichts Besonderes passiert, kein großes Ereignis. Ich stand in einem älteren Gebäude, irgendwo auf dem Land, wartete auf jemanden und ließ meinen Blick schweifen. Und da hing es wieder, leicht vergilbt, ein bisschen schief, dieses „WC“. Und zum ersten Mal dachte ich: Warum eigentlich WC? Warum nicht einfach Toilette? Oder Bad? Oder irgendetwas anderes? Ich musste fast über mich selbst lachen, dass ich so alt geworden war, ohne diese einfache Frage jemals gestellt zu haben.
Seitdem lässt mich dieses Thema nicht mehr los, denn je mehr man darüber nachdenkt, desto klarer wird, wie viel Geschichte, Kultur und sogar ein bisschen Schamgefühl in diesen zwei kleinen Buchstaben steckt. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir nie darüber sprechen – weil Toiletten schon immer ein Thema waren, über das man möglichst diskret hinweggeht.
Wenn man sich mit dem Ursprung beschäftigt, landet man sehr schnell in England, genauer gesagt im 19. Jahrhundert. Damals begann sich das Leben in den Städten stark zu verändern. Die Industrialisierung brachte immer mehr Menschen in enge Wohnräume, Hygiene wurde plötzlich zu einer Frage von Gesundheit und Überleben. Bis dahin waren Toiletten oft einfache Gruben, Außentoiletten, sogenannte Plumpsklos, die weder besonders angenehm noch besonders hygienisch waren. Mit der Entwicklung der Wasserspülung kam etwas völlig Neues in die Häuser: ein abgeschlossener Raum mit fließendem Wasser, der menschliche Abfälle wegspülte. Das war eine Revolution, auch wenn wir heute kaum noch darüber nachdenken.
Dieser Raum wurde im Englischen „Water Closet“ genannt. Das Wort „closet“ hatte damals eine ganz andere Bedeutung als heute. Es war kein Kleiderschrank, sondern ein kleiner, abgeschlossener Raum, ein privater Ort. Und genau das war diese neue Toilette: ein kleiner Raum mit Wasseranschluss, der etwas sehr Intimes verbarg. Aus „Water Closet“ wurden schnell die zwei Buchstaben „WC“, weil sie sich leichter schreiben, leichter lesen und vor allem leichter zeigen ließen, ohne das Wort Toilette überhaupt auszusprechen.
Und hier beginnt etwas sehr Menschliches. Denn schon damals wollte man über bestimmte Dinge nicht offen sprechen. Man wollte nicht sagen: „Dort ist die Toilette.“ Man wollte es höflich, neutral, fast elegant halten. Zwei Buchstaben reichten völlig aus. Jeder wusste, was gemeint war, aber niemand musste es aussprechen. Ich finde das im Nachhinein fast ein bisschen rührend, diese Mischung aus Fortschritt und Zurückhaltung.
Von England aus verbreitete sich der Begriff in ganz Europa. Mit den Eisenbahnen, mit Hotels, mit Schiffen, mit der modernen Architektur. Überall tauchte dieses kleine „WC“ auf. Und das Erstaunliche ist: Es blieb. Selbst in Ländern, in denen kaum jemand Englisch sprach oder spricht, verstand man diese Abkürzung. Sie wurde zu einer Art internationalem Code. Zwei Buchstaben, die überall dasselbe bedeuten.
Wenn ich heute darüber nachdenke, wird mir klar, warum sich „WC“ bis heute gehalten hat. Es ist kurz, es ist neutral, es ist niemandem peinlich. Es funktioniert in einem Bahnhof genauso wie in einem schicken Restaurant. Es braucht keine Übersetzung, keine Erklärung. Man sieht es und weiß sofort, wohin man gehen muss. Gerade in einer Welt, in der so viele Menschen reisen, ist das ein unschätzbarer Vorteil.
