Ich weiß noch ganz genau, wann ich zum ersten Mal angefangen habe, mich mit Nahrungsergänzungsmitteln ernsthafter zu beschäftigen. Es war nicht in irgendeiner Arztpraxis und auch nicht durch ein schlaues Buch, sondern ganz banal im Alltag, so wie es bei vielen Frauen vermutlich beginnt. Man fühlt sich ein bisschen müde, die Haut wirkt fahl, man schläft nicht besonders gut, die Haare sehen auch schon mal besser aus, und plötzlich stolpert man überall über dieselben Versprechen. Mehr Energie. Mehr Ausstrahlung. Weniger Müdigkeit. Schönere Haut. Besseres Allgemeinbefinden. Und wenn man dann noch ein paar Beiträge im Internet liest oder in einer Drogerie vor diesen endlosen Regalen mit Dosen, Kapseln und kleinen Wunderversprechen steht, fängt man fast automatisch an zu glauben, dass man seinem Körper vielleicht einfach nur „etwas Gutes“ tun muss. Genau so ging es mir damals auch. Ich wollte nichts Übertriebenes, ich wollte einfach nur ein bisschen fitter sein, ein bisschen frischer wirken und dieses beruhigende Gefühl haben, dass ich auf mich achte. Und ganz ehrlich: Gerade wir Frauen sind doch oft empfänglich für alles, was uns verspricht, wieder etwas mehr Kraft, Leichtigkeit und Frische in den Alltag zu bringen.
Am Anfang klingt das alles vernünftig. Man denkt ja nicht gleich an eine Übertreibung. Man denkt eher: Ein bisschen Unterstützung kann doch nicht schaden. Und genau darin liegt für mich das Interessante. Viele von uns greifen nicht aus Leichtsinn zu Nahrungsergänzungsmitteln, sondern aus Fürsorge. Aus dem Wunsch heraus, sich um den eigenen Körper zu kümmern. Das Problem ist nur, dass nicht alles, was harmlos aussieht, auch automatisch immer sinnvoll ist. Und vor allem ist nicht alles, was „gesund“ genannt wird, für jeden Menschen in jeder Menge und zu jeder Zeit die richtige Wahl. Das war für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre. Nicht, weil ich plötzlich alles schlechtreden möchte. Ganz im Gegenteil. Ich finde es gut, wenn Menschen auf ihre Gesundheit achten. Aber ich glaube inzwischen sehr fest daran, dass auch beim Thema Vitamine, Mineralstoffe und Kapseln nicht das Motto „viel hilft viel“ gelten sollte, sondern eher: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“
Besonders nachdenklich wurde ich, als ich mich ein wenig genauer mit zwei Stoffen beschäftigt habe, die oft ganz selbstverständlich als nützlich, wichtig und beinahe immer positiv dargestellt werden: Jod und Eisen. Beides sind Nährstoffe, die unser Körper tatsächlich braucht. Jod ist wichtig für die Schilddrüse, Eisen spielt eine große Rolle beim Sauerstofftransport im Blut. Das ist alles richtig und daran gibt es nichts zu rütteln. Aber genau hier wird es im Alltag schnell missverständlich, denn aus „wichtig“ wird in vielen Köpfen sofort „davon kann mehr nicht schaden“. Und genau das stimmt eben nicht. Sowohl beim Jod als auch beim Eisen kann ein Zuviel problematisch werden, vor allem dann, wenn man zusätzlich zu einer normalen Ernährung noch regelmäßig Präparate einnimmt, ohne wirklich zu wissen, ob überhaupt ein Mangel vorliegt. Offizielle Fachinformationen betonen genau das: Jod ist essenziell, aber zu hohe Aufnahmen können die Schilddrüse belasten; für Erwachsene liegt der tolerierbare obere Aufnahmewert bei 1.100 Mikrogramm pro Tag. Auch Eisen ist lebenswichtig, doch höhere Dosen aus Supplementen können Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit und Verstopfung auslösen; für Erwachsene wird als oberer Wert 45 Milligramm pro Tag genannt.
Als ich das zum ersten Mal so klar gelesen habe, musste ich ehrlich sagen: Das ist eigentlich völlig logisch, aber im Alltag vergisst man es trotzdem schnell. Wenn irgendwo „für Energie“, „für Schönheit von innen“ oder „für das allgemeine Wohlbefinden“ draufsteht, dann denkt man sofort an Hilfe, nicht an Vorsicht. Aber gerade bei Nahrungsergänzungsmitteln ist Vorsicht oft viel vernünftiger als Begeisterung. Denn der Körper ist kein leeres Glas, in das man einfach möglichst viele gute Dinge hineinschüttet, bis alles perfekt läuft. Er ist ein fein abgestimmtes System. Und wenn man daran ohne klaren Grund zu viel herumdreht, kann aus dem gut gemeinten Extra schnell etwas werden, das eher belastet als unterstützt.
Ich habe irgendwann angefangen, mich zu fragen, warum wir uns so gern von solchen Produkten verführen lassen. Vielleicht, weil sie eine einfache Lösung versprechen. Eine Kapsel am Morgen klingt leichter als mehr Schlaf, weniger Stress, regelmäßigere Mahlzeiten oder ein ruhigerer Umgang mit sich selbst. Vielleicht auch, weil es beruhigend ist, das Gefühl zu haben, man tut aktiv etwas für sich. Eine Tablette lässt sich kaufen, einnehmen und abhaken. Sie gibt einem das Gefühl von Kontrolle. Und dieses Gefühl ist gerade in hektischen Zeiten unglaublich verlockend. Wenn der Alltag voll ist, man sich zwischen Arbeit, Haushalt, Familie und all den kleinen Verpflichtungen selbst ein wenig verliert, dann klingen schnelle Hilfen einfach sehr tröstlich. Ich kenne das gut. Man möchte funktionieren, man möchte sich nicht so ausgelaugt fühlen, man möchte wieder ein bisschen mehr strahlen. Und dann greift man eben lieber zu etwas, das nach Unterstützung aussieht, statt sich einzugestehen, dass vielleicht erst einmal Ruhe, gutes Essen und echte Regeneration fehlen.
Was mich an der ganzen Sache am meisten beschäftigt, ist gar nicht die Frage, ob Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich gut oder schlecht sind. Diese einfache Schwarz-Weiß-Sicht hilft sowieso niemandem. Mich beschäftigt viel mehr die Frage, wie wir lernen können, vernünftiger und entspannter damit umzugehen. Denn natürlich gibt es Situationen, in denen Supplemente sinnvoll sind. Wer einen nachgewiesenen Mangel hat, wer in einer besonderen Lebensphase ist, wer ärztlich begleitet wird oder aus bestimmten Gründen etwas gezielt braucht, kann davon profitieren. Aber dieses wahllose Einnehmen nach Trend, Werbung oder Bauchgefühl – das ist genau der Punkt, der mir immer fragwürdiger erscheint. Vor allem, weil viele Menschen nicht nur ein Präparat nehmen, sondern gleich mehrere. Ein Multivitamin hier, ein Schilddrüsenprodukt da, dazu etwas „für die Haut“, etwas „für die Energie“, vielleicht noch ein Beauty-Komplex. Und plötzlich summiert sich einiges, ohne dass man es bewusst wahrnimmt.
Gerade bei Jod finde ich das besonders spannend, weil viele gar nicht merken, wo es überall mitspielt. Es steckt nicht nur in speziellen Präparaten, sondern auch in bestimmten Algenprodukten oder iodiertem Salz. Für die meisten Menschen ist die Ernährung allein zwar nicht automatisch problematisch, aber wenn zusätzlich noch konzentrierte Produkte dazukommen, kann es schnell unübersichtlich werden. Fachinformationen weisen darauf hin, dass zu viel Jod die gleichen oder ähnliche Probleme auslösen kann wie zu wenig, zum Beispiel Störungen der Schilddrüsenfunktion oder Entzündungen der Schilddrüse. Sehr hohe Mengen können sogar deutliche Beschwerden verursachen. Genau deshalb wird empfohlen, mit solchen Präparaten nicht einfach auf Verdacht herumzuexperimentieren.
Beim Eisen ist es ganz ähnlich, nur dass hier viele das Thema besonders mit Müdigkeit verbinden. Sobald man sich schlapp fühlt, steht gefühlt irgendwo der Gedanke im Raum: Vielleicht fehlt Eisen. Natürlich kann das sein, aber eben nicht automatisch. Und genau deshalb finde ich es wichtig, nicht jede Erschöpfung sofort mit irgendeinem Präparat beantworten zu wollen. Offizielle Empfehlungen raten dazu, Eisenmangel ärztlich abzuklären und nicht einfach blind hoch zu dosieren. Denn zu hohe Eisendosen können den Magen belasten, Verstopfung, Übelkeit, Bauchschmerzen oder Durchfall verursachen. Bei extrem hohen Mengen kann Eisen sogar ernsthaft gefährlich werden. Das klingt streng, aber es zeigt eigentlich nur, dass auch vermeintlich „gute“ Stoffe ihre Grenzen haben.
Ich finde, das ist überhaupt ein wichtiger Gedanke im ganzen Gesundheitsbereich: Etwas kann nützlich sein und trotzdem nicht automatisch für jeden in jeder Menge gut. Genau diese Zwischentöne gehen in sozialen Medien und auf vielen Webseiten oft verloren. Dort funktioniert Aufmerksamkeit nun einmal besser mit großen Sätzen. „Das brauchen Sie unbedingt.“ „Dieses Mittel verändert alles.“ „Das nimmt fast niemand ernst.“ „Diese Kapseln machen den Unterschied.“ Solche Formulierungen klingen spektakulär, aber sie machen uns auch unsicher. Plötzlich hat man das Gefühl, man könnte etwas Wichtiges verpassen, wenn man nicht mitmacht. Und ich glaube, viele Frauen kennen genau dieses Gefühl. Man will ja gesund bleiben, man will nichts falsch machen, man will auch nicht irgendwann sagen müssen: Hätte ich mal früher darauf geachtet. Doch zwischen vernünftiger Vorsorge und hektischem Hinterherlaufen nach jedem Trend liegt ein großer Unterschied.
Für mich kam irgendwann ein Moment, in dem ich mich gefragt habe, warum wir eigentlich so viel Vertrauen in kleine Dosen und Kapseln stecken, aber oft so wenig Vertrauen in die langweiligen Grundlagen des Alltags haben. Ein gutes Frühstück. Regelmäßiges Essen. Genug trinken. Ein Spaziergang. Etwas mehr Schlaf. Weniger Dauerstress. Ein bisschen weniger Zucker, ein bisschen mehr Ruhe. Das klingt nicht spektakulär und verkauft sich natürlich nicht so gut wie ein modernes Supplement mit schönem Etikett. Aber wenn ich ehrlich bin, haben mir diese einfachen Dinge im Leben viel mehr gebracht als der impulsive Griff zu irgendwelchen Wunderversprechen. Natürlich ist der Alltag nicht immer ideal. Natürlich gelingt das nicht perfekt. Aber ich glaube trotzdem, dass Gesundheit meistens viel unspektakulärer beginnt, als Werbung uns glauben machen will.
