Sabine schnaubte leise. „Und du dachtest, das ist eine gute Idee, mir nicht zu sagen, dass irgendeine ‚Bekannte‘ in unserem Haus ist, während ich nicht da bin?“
Er wich ihrem Blick aus. „Es war … unbedeutend. Ich wollte dich nicht beunruhigen.“
Die nächsten Stunden verliefen in einer Mischung aus angespanntem Schweigen und kurzen, scharfen Sätzen. Doch in Sabines Kopf wuchs etwas anderes: eine Mischung aus Misstrauen und Neugier. Wer war diese Frau wirklich?
Am nächsten Tag, während Thomas bei der Arbeit war, beschloss Sabine, selbst nachzuforschen. Sie begann im Arbeitszimmer. Aktenordner, Mappen, lose Blätter – alles lag halb geordnet in den Regalen. Auf dem Schreibtisch lag eine Visitenkarte, halb unter einem Stapel Papiere verborgen. Sie zog sie hervor. „Claudia Mertens – Archiv- und Dokumentenservice“. Darunter eine Handynummer.
Sabine setzte sich auf den Stuhl, hielt die Karte zwischen den Fingern und überlegte. Schließlich griff sie zum Telefon. „Guten Tag, hier spricht Sabine Weber. Ich glaube, Sie waren gestern bei uns im Haus?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte eine kurze Stille, dann eine warme, leicht überraschte Frauenstimme: „Oh! Ja, Frau Weber. Es tut mir leid, dass wir uns nicht kennengelernt haben. Ihr Mann meinte, Sie wären beschäftigt.“
Sabine lächelte dünn, obwohl niemand es sehen konnte. „So kann man es auch nennen.“
Das Gespräch verlief höflich, fast zu höflich. Claudia erklärte, dass sie von einem gemeinsamen Bekannten empfohlen worden sei, dass sie oft in Archiven arbeitete, für Privatkunden wie auch Firmen. Doch Sabine spürte, dass mehr dahintersteckte.
In den folgenden Tagen fand sie Vorwände, um Thomas’ Termine zu überprüfen, ihre gemeinsamen Bekannten nach dieser Claudia zu fragen. Stück für Stück setzte sich ein Bild zusammen: Claudia war tatsächlich Archivarin – aber sie war auch in anderen Kreisen unterwegs, Kreise, in denen nicht nur Papiere sortiert wurden.
Eine Woche später stand Sabine selbst vor einem kleinen Café am Stadtrand, in dem Claudia sich mit Kunden traf. Sie trat ein, sah die Frau im roten Kleid an einem Tisch in der Ecke sitzen. Dieses Mal war es kein festliches Abendkleid, sondern ein schlichtes, aber ebenso rotes Sommerkleid, und dennoch strahlte sie eine selbstbewusste Eleganz aus.
Sabine ging hinüber. „Darf ich mich setzen?“ Claudia lächelte, nickte.
Das Gespräch dauerte fast zwei Stunden. Am Ende wusste Sabine alles – von den Unterlagen, die Thomas gesucht hatte, bis zu den kleinen Gefälligkeiten, die Claudia ihm in der Vergangenheit getan hatte. Nichts davon war strafbar, doch einiges war … grenzwertig.
Als Sabine an diesem Abend nach Hause kam, war ihr Blick auf Thomas nicht mehr nur misstrauisch, sondern fest entschlossen. Sie hatte Antworten – und sie wusste, wie sie damit umgehen würde.
Die Geschichte endete nicht in einem lauten Streit, sondern in einer langen, ehrlichen Unterhaltung, die bis tief in die Nacht dauerte. Und irgendwo, zwischen all den Worten, zwischen den Erklärungen und den Geständnissen, fanden sie einen Weg, einander wieder zu vertrauen – oder zumindest, es zu versuchen.
Marie aber erzählte noch Wochen später mit leuchtenden Augen jedem, der es hören wollte, von der Dame im roten Kleid, die „Dokumente“ gesucht hatte.
