10.02.2026

5 häufige Irrtümer über die runde Narbe am Oberarm – eine leise Geschichte, die viele von uns ein Leben lang begleiten

Es gibt Dinge am eigenen Körper, die sind einfach da. Man denkt nicht darüber nach, sie gehören dazu wie die Form der Hände oder eine bestimmte Falte im Gesicht. Und dann kommt irgendwann dieser Moment, oft ganz beiläufig, in dem man innehält und sich fragt: Woher kommt das eigentlich? Genau so geht es vielen Menschen mit dieser kleinen, runden Narbe am Oberarm. Sie ist unscheinbar, meist nicht größer als eine Münze, manchmal leicht eingezogen, manchmal etwas heller oder dunkler als die Haut. Viele tragen sie seit ihrer frühesten Kindheit mit sich herum, ohne je eine Erklärung bekommen zu haben. Und genau dieses Nicht-Wissen hat über Jahre hinweg zu Mythen, Unsicherheiten und falschen Annahmen geführt.

Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als mir meine eigene Narbe zum ersten Mal bewusst aufgefallen ist. Es war Sommer, ich trug ein ärmelloses Kleid, stand vor dem Spiegel und fragte mich plötzlich, warum diese kleine Stelle eigentlich da ist. Ich konnte mich an keine Verletzung erinnern, an keinen Unfall, an keine Krankheit. Und als ich begann, andere darauf anzusprechen, merkte ich schnell: Ich bin nicht allein. Viele hatten ähnliche Fragen, ähnliche Vermutungen, ähnliche Halbwahrheiten gehört. Manche hatten sich sogar geschämt, andere hatten sich Erklärungen zurechtgelegt, einfach um nicht weiter darüber reden zu müssen.

Diese kleine Narbe ist ein stiller Begleiter vieler Menschen – besonders in Asien, Afrika, Lateinamerika und Teilen Osteuropas, aber auch darüber hinaus. Und doch ist sie bis heute von Missverständnissen umgeben. Genau deshalb ist es wichtig, darüber zu sprechen. Nicht belehrend, nicht medizinisch trocken, sondern menschlich, verständlich und ehrlich. Denn Wissen nimmt Unsicherheit. Und manchmal auch ein kleines Stück Scham.

Einer der häufigsten Irrtümer ist die Annahme, dass es sich bei dieser runden Narbe um eine Hautkrankheit oder eine Verletzung aus der Kindheit handelt. Viele Menschen glauben, sie sei das Ergebnis einer Infektion, einer schlecht verheilten Wunde oder vielleicht sogar einer Verbrennung. Gerade weil man sich nicht erinnert, wann sie entstanden ist, füllt das Gehirn diese Lücke gern mit eigenen Erklärungen. Manche erzählen sich, sie seien als Kind gestürzt, andere vermuten eine allergische Reaktion oder etwas, das „damals nicht richtig behandelt wurde“. Diese Gedanken können sich über Jahre festsetzen und werden irgendwann zu einer vermeintlichen Wahrheit.

In Wirklichkeit ist diese Narbe in den meisten Fällen kein Zeichen von Krankheit oder Unfall. Sie entsteht durch die BCG-Impfung, eine Schutzimpfung gegen Tuberkulose. Diese Impfung wurde und wird in vielen Ländern bereits im Säuglings- oder frühen Kindesalter verabreicht. Genau deshalb können sich die meisten Menschen nicht daran erinnern. Die Narbe ist kein Fehler, kein Behandlungsversagen und kein Zeichen dafür, dass etwas schiefgelaufen ist. Sie ist vielmehr Teil einer ganz normalen Immunreaktion des Körpers. Der Körper erkennt den Impfstoff, reagiert lokal, und bei vielen Menschen bleibt genau an dieser Stelle eine kleine, runde Narbe zurück. Sie ist sozusagen ein stilles Zeugnis dafür, dass das Immunsystem damals gearbeitet hat.

Ein weiterer Irrtum, der besonders tief sitzt, ist die Vorstellung, dass diese Narbe nur Menschen aus armen oder ländlichen Verhältnissen betrifft. Dieser Gedanke ist oft mit Scham und sozialem Stigma verbunden. Manche glauben, die Narbe sei ein Zeichen von mangelnder Hygiene, schlechter medizinischer Versorgung oder fehlendem Zugang zu moderner Gesundheitsvorsorge. Gerade in Gesellschaften, in denen Äußerlichkeiten eine große Rolle spielen, kann dieser Irrglaube sehr belastend sein.

Doch auch hier sieht die Realität ganz anders aus. Die BCG-Impfung war in vielen Ländern fester Bestandteil nationaler Impfprogramme – unabhängig vom Einkommen oder sozialen Status der Familien. Millionen von Kindern aus allen Gesellschaftsschichten wurden geimpft, besonders in Zeiten und Regionen, in denen Tuberkulose weit verbreitet war. Die Narbe sagt nichts über Armut, Bildung oder Herkunft aus. Sie erzählt vielmehr eine Geschichte über öffentliche Gesundheitsmaßnahmen und den Versuch, schwere Krankheiten einzudämmen. Wer diese Narbe trägt, trägt kein Zeichen von Mangel, sondern ein Zeichen von Vorsorge.

Sehr verbreitet ist auch der Vergleich untereinander. Menschen schauen auf die Arme von Freunden, Geschwistern oder Partnern und ziehen daraus Schlüsse. Wer keine Narbe hat, so denken viele, wurde nicht geimpft. Und wer eine besonders deutliche Narbe trägt, müsse eine stärkere Reaktion gehabt haben oder sogar ein besonders gutes oder schlechtes Immunsystem. Diese Vergleiche wirken logisch, sind aber irreführend.